A Creative Guide by Pitsou Kedem

A Creative Guide by Pitsou Kedem

Der Ort, der seine Wahrnehmung verändert hat, die Kunst und das Kino, die ihn inspirieren, seine täglichen Rituale und die Auszeiten in der Natur… Wir sprechen mit dem Architekten Pitsou Kedem und begleiten ihn auf seiner Suche nach Licht, Stille und Materialität.

Die Projekte des Architekten Pitsou Kedem spiegeln seine Art zu leben wider: eine kontinuierliche Suche nach Licht, Stille und Materie. Von seinem 2000 in Tel Aviv gegründeten Studio aus entwickelt er eine tiefgründige und ausdrucksstarke Interpretation des Minimalismus, geprägt von materieller Vielfalt, Respekt vor dem Kontext und dem Wunsch, das Chaos zu ordnen. Seine Gebäude laden zur Pause ein und wirken wie ein Balsam für die Sinne. In diesem Gespräch erzählt er, was ihn berührt, was ihn inspiriert, welche Prinzipien seine Arbeit leiten und welche Routinen seinen Alltag strukturieren. Durch seinen Blick – als Fotograf und Architekt – entdecken wir eine Art, Licht als Material zu verstehen, als Element, das die Realität zeichnet und ihr Tiefe verleiht.

Vibia The Edit - A Creative Guide by Pitsou Kedem

Ein Ort, an den er immer zurückkehrt

Pitsou Kedem erzählt uns, wie sich alles veränderte, seit er erstmals das vom israelischen Bildhauer Danny Karavan errichtete Monument in der Negev-Wüste betrat.

In dieser begehbaren Betonskulptur, deren Geometrien im Inneren ein Spiel aus Licht und Schatten entstehen lassen, wurde seine Liebe zur Architektur geboren, und genau dorthin kehrt er in seiner Arbeit immer wieder zurück: an diesen Ort, an dem er zum ersten Mal Zeuge des Dialogs zwischen Licht und Materie wurde – und davon, wie das Licht der Materie Tiefe verleiht.

Jeden Tag ein Moment für die Lektüre

In seinen Gebäuden lässt Pitsou Kedem dem Material Raum zum Atmen – und in seinem eigenen Inneren gewährt er seinen Gedanken dieselbe Freiheit. Deshalb trägt er stets ein Buch bei sich und sucht jeden Tag einen Moment, um sich in einem Café niederzulassen und in die Lektüre zu versinken. Dieses Eintauchen in andere Leben hilft ihm, Abstand zu gewinnen, den Geist zu klären und die Aufmerksamkeit zu schärfen.

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Seine Referenz: James Turrell

Der Künstler James Turrell und seine Art, Licht und Raum zu begreifen, halfen Pitsou Kedem, zwei Seiten seiner Persönlichkeit miteinander zu verschränken: das Bedürfnis nach Ordnung und die Suche nach Wärme. Die erste Begegnung mit seinem Werk fand im Israel Museum statt, wo sich Space that sees befindet – eine raumgreifende Installation, die sich zum Himmel öffnet und zur meditativen Betrachtung der Wolkenbewegung und des Lichts einlädt, das den Raum durchdringt und erfüllt. Pitsou Kedem sucht in seinen eigenen Projekten nach jener materiellen und formalen Zurückhaltung, die Raum für Emotion und Gedanken lässt.

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Die Inspiration beim Klettern in der Natur

Dasselbe Gefühl, das ihn vor Turrells Werk ergriff, stellt sich jedes Mal ein, wenn er zu seiner größten Inspirationsquelle zurückkehrt: der Natur. Beim Klettern in den norwegischen Fjorden erlaubt die Stille seinen Gedanken zu schweifen, während das Licht „auf der weißen Leinwand der Landschaft malt“. Zurück im Studio übersetzt er dieses verdichtete Empfinden in Räume, die sich nicht aufdrängen, sondern den Menschen, die sie bewohnen, Ausdruck ermöglichen.

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Seine Art, mit Licht zu arbeiten

Eine Überzeugung leitet seine Arbeit: Licht ist für den Raum das, was das Rohmaterial für eine Struktur ist. Es wird eingesetzt, um zu bauen und Form zu geben. Im Studio begreifen Pitsou Kedem und sein Team jedes Gebäude als Gelegenheit, dem Licht Einlass zu gewähren und Bedeutung zu stiften, Texturen zu beleben und Volumen hervorzuheben. Für ihn ist Architektur „die menschliche Erfahrung im Raum“, und das Licht ist ihr Verbündeter, der sie bereichert. Deshalb ist für Pitsou die Szene aus dem Film The Brutalist, in der der Architekt mit einer Taschenlampe zeigt, wie das Licht auf das Gebäude fallen wird, die Verdichtung seiner 25-jährigen Berufserfahrung in einer einzigen Minute.

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Ein Bild aus dem Film The Brutalist von Regisseur Brady Corbet.

Woraus besteht seine architektonische Sprache?

Seine Sprache besteht aus Dichotomien, aus Spannungen, aus präzise ausbalancierten Gleichgewichten. Pitsou weiß, dass wir ohne Dunkelheit das Licht nicht erkennen können – und dass es erst dann kostbar wird, wenn wir uns der Existenz beider bewusst sind. In seinem Studio wird einen Minimalismus verfolgt, der weder neutral noch kühl ist: Er ist emotional, ausdrucksstark und gewinnt seine Tiefe aus dem Kontrast zwischen Licht und Schatten, zwischen Farben und Texturen. Müsste Pitsou einem jungen Architekten nur einen einzigen Rat geben, wäre es dieser: „Finde deine Sprache und bleibe ihr bis zum Ende treu. Auch wenn es draußen laut ist, auch wenn andere sagen, sie sei extrem oder überzogen. Glaube an deine architektonische Wahrheit.“

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Die Bedeutung von Teamarbeit

In der Architektur, einem Beruf, der oft vom Ego geprägt ist, wählt Pitsou Kedem bewusst den entgegengesetzten Weg. Er sucht die Zusammenarbeit mit Menschen, die teilen wollen – denn für ihn ist Teamarbeit grundlegend, um jene Kreativität freizusetzen, die aus Dialog und Austausch entsteht. Wie im Raum entsteht auch hier Emotion aus dem Zusammenspiel von Licht und Material.

Was war zuerst da: der Architekt oder der Fotograf?

So beschreibt sich Pitsou Kedem selbst: „Ich bin kein Architekt, der auch fotografiert; ich bin ein Fotograf, der auch baut.“ Diese Art, die Welt – und die Architektur – durch die Linse zu betrachten, aus der alles seinen Ursprung nahm, ist bis heute in seiner Arbeit präsent. Und es ist nicht nur der Blick, sondern der gesamte Prozess: das, was dem Auslösen vorausgeht und was ihm folgt. Das Warten darauf, dass das Betrachtete belichtet wird – durch das Licht, das kurz vor der Aufnahme auf das Gebäude fällt, durch jenes, das in das Negativ eindringt und sich darin einschreibt und durch die Chemikalien, die das Bild in der Dunkelkammer langsam sichtbar werden lassen. Mit der Haltung eines Fotografen entwirft Pitsou das Gebäude: Schritt für Schritt, indem er ihm erlaubt, sich selbst zu zeigen.

„Ich bin kein Architekt, der auch fotografiert; ich bin ein Fotograf, der auch baut.“

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